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Rebellin mit Herz - Felicity Jones

Bereits im Kindesalter brachte ihr Kampfgeist der Schauspielerin Felicity Jones den Spitznamen der „kleinen Kriegerin“ ein. Mit SARAH BAILEY spricht sie über ihre wilde Seite, den lebensgefährlichen Ballon-Absturz mit Eddie Redmayne, durchgetanzte Partynächte und wie sie in einem Fahrstuhl die Liebe ihres Lebens traf…

Aus dem Englischen übersetzt von Katharina Hogenkamp

„Mir gefällt das Rebellische“, sagt Felicity Jones und trinkt einen Schluck ihres Kamillentees. Wir treffen uns an einem verregneten Nachmittag in einem Fotostudio in Nord-London, um uns über die Auswahl ihrer Filmrollen, Drehbücher und auch über ihre Schuhe zu unterhalten. Stolz zeigt sie mir die Biker-Stiefel mit Samtschnürung, in die sie zuvor geschlüpft ist. „Meine Freundin meinte, die Boots sehen aus wie die Eislaufschuhe eines viktorianischen Punk-Girls“, sagt sie lachend.

Jones ist jüngst in The Aeronauts zu sehen, ein Film über die Geschichte einer Ballon-Pilotin des 19. Jahrhunderts. Ebenfalls mit von der Partie ist Eddie Redmayne, ein enger Freund und Co-Star aus Die Entdeckung der Unendlichkeit. Die 36-Jährige spielt die Rolle der Amelie Wren, deren Geschichte auf dem extravaganten Leben der französischen Luftfahrerin Sophie Blanchard basiert. „Sie war eine begeisterte Ballon-Pilotin und eine wahre Rebellin ihrer Zeit, flog nachts und ließ Feuerwerk von ihrem Ballon aus steigen. So eine Draufgängerin!“

Ich bin beeindruckt von der Tatsache, dass Jones für die meisten der schwindelerregenden Stunts im Film kein Double verlangte. Monatelang trainierte sie vor den Dreharbeiten „mit einem Luftakrobaten und Tänzern wie für den Cirque du Soleil. Ich liebe das Gefühl von Freiheit, sobald ich mich in der Luft befinde.“ Es zeugt von sehr viel Mut, besonders wenn man bedenkt, dass sie und Redmayne am ersten Drehtag um ein Haar einem lebensgefährlichen Ballonabsturz entkommen sind. „Eddie und ich hielten uns an der Hand und hofften auf das Beste, als wir mit rasender Geschwindigkeit auf den Boden prallten“, erinnert sie sich. „Mein Auge hat eine Metallecke des Ballonkorbs um nur fünf Zentimeter verfehlt. Noch schlimmer war, dass ich beim Absturz ein Korsett trug. Für einen Moment dachte ich, ich hätte mir vielleicht sogar den Rücken gebrochen. Ich konnte mich kaum bewegen.“

Seit ihrem 11. Lebensjahr steht Jones vor der Kamera, im Kindesalter erhielt sie von der Frau ihres Agenten den Spitznamen „kleine Kriegerin“. Starke Rollen von mutigen Charaktern ziehen sich wie ein roter Faden durch die Karriere der Schauspielerin. Dies wird besonders in letzter Zeit deutlich, von Darstellungen der Jyn in Rouge One: A Star Wars Story bis hin zu Jane Hawking in Die Entdeckung der Unendlichkeit und Ruth Bader Ginsburg in Die Berufung – Ihr Kampf für Gerechtigkeit. „Es scheint, als lägen mir kämpferische Frauenrollen besonders, ich erkenne da durchaus ein Muster.“

Jones wurde in Birmingham, England geboren, ihre Eltern, der Vater war Journalist, die Mutter in der Werbebranche tätig, trennten sich, als Felicity drei Jahre alt war. „Ich stehe beiden sehr nahe. Vermutlich baut man eine besonders reife Beziehung zu seinen Eltern auf, wenn diese nicht mehr zusammen sind. Man lernt sie genauso gut kennen wie enge Freunde.“ Obwohl sie schon früh ins Schauspielgeschäft einstieg, klingt ihre Erziehung ganz normal: Campingurlaube auf dem englischen Land, auf Bäume klettern usw. Was war ihre größte Herausforderung in der High School? „Ich bekam dauernd Pickel auf der Stirn, weshalb ich immer eine Wollmütze trug. Meine Eltern fragten dann: ‚Bist du dir sicher, dass du das heute tragen willst? Es ist ziemlich heiß draußen‘. Wahrscheinlich dachte ich, damit dem 90er-Look von Kurt Cobain zu entsprechen, aber das Gegenteil war der Fall.“ Mit Blick auf ihren heute makellosen Teint versichere ich ihr, dass sie damit Teenagern auf der ganzen Welt Hoffnung macht.

Mit 15 Jahren spielte sie Emma Grundy in der britischen Langzeit-Radioserie The Archers. Die Rolle begleitete sie ein ganzes Jahrzehnt bis zu ihrer Studienzeit an der Oxford Universität. Als ich frage, ob sie sowas wie die Bienenkönigin des Theaterclubs in Oxford war, schaut sich mich entsetzt an. „Ich habe immer versucht, Berufliches und Privates in Balance zu halten, vor allem als Studentin. Ich schätze, dass ich mir mein Leben nicht vom Schauspiel bestimmen lassen, sondern mehr erleben wollte. Abgesehen davon habe ich auch nicht viele Hauptrollen bekommen“, sagt sie lachend. „Als Studentin verbringt man zudem viel Zeit mit seinen Kommilitonen, wir sind damals mit dem Bus von Oxford nach London gefahren, um dort auf Drum ’n‘ Bass-Raves die Nächte durchzutanzen. Ich kann mich noch lebhaft daran erinnern, wie toll diese Zeit war.“

Zwischen Uni-Partys und Castings traf sie zum ersten Mal auf Redmayne. So heißt es zumindest, denn die Freunde sind sich über den genauen Zeitpunkt bekanntermaßen uneinig. Beide waren mit der Dramatikerin Polly Stenham befreundet, die für ihr Stück That Face bekannt ist. Jones übernahm im jahr 2008 eine Rolle darin. „Es war völliges Neuland für mich. Die Dialoge waren revolutionär und nicht so, wie man es vom klassischen Theater erwartet“, schwärmt sie. „Ihr Ansatz in Bezug auf die Probleme einer Familie war frisch, gewagt und absolut ehrlich, das Stück glänzt als eine ungefilterte Sicht auf ein bestimmtes, soziales Umfeld.“ Würde sie gerne wieder mit Stenham zusammenarbeiten wollen? „Definitiv, daran habe ich gar kein Zweifel. Man trifft die entsprechenden Leute immer zum richtigen Zeitpunkt im Leben.“

Ohne Frage stehen die Sterne für Jones‘ Karriere mehr als gut. Seit ihrer Performance in That Face feiert sie Erfolge mit herausragenden wie auch kulturell und geschichtlich bedeutsamen Filmen, von Die Entdeckung der Unendlichkeit bis hin zu Die Berufung – Ihr Kampf für Gerechtigkeit. Wie hat sie es empfunden, große und relevante Persönlichkeiten wie Jane Hawking und Ruth Bader Ginsberg zu porträtieren? „Ruth Bader Ginsburg hat im Bereich der Geschlechterpolitik Geschichte geschrieben. Selbstverständlich hatte ich großen Respekt vor unserem Treffen und vor der Rolle. Wir hatten nur ein paar Meetings, um gegenseitiges Vertrauen aufbauen zu können. Wir mussten in den wenigen Meetings, die wir hatten, Vertrauen zueinander aufbauen. Es ist wie ein ungeschriebenes Gesetz, sich gewissermaßen deren Erlaubnis einzuholen und die Sicherheit zu vermitteln, dass man ihre persönliche Geschichte nicht ausbeutet.“ Jones trinkt derweil einen weiteren Schluck Tee. „Andererseits sollte einen die Verantwortung als Schauspielerin nicht überwältigen. Wenn man eine Rolle annimmt, muss man auch ein gewisses Maß an Freiheit mitbringen dürfen.“ Kommt da die innere Rebellin durch? „Vielleicht befinde ich mich im Zwiespalt und versuche so das brave Mädchen in mir herauszufordern“, stimmt sie lachend zu. „Manchmal kümmert man sich als Frau zu sehr, dabei ist man meiner Meinung nach interessanter, wenn man ungezwungen ist.“

Trotz ihrer beeindruckenden Karriere bleibt Jones bodenständig. „Gerade habe ich mich mit meiner Visagistin Mary Greenwell über unsere jahrelange Zusammenarbeit unterhalten. Wir haben uns daran erinnert, dass ich damals auf dem roten Teppich wie ein zerrupftes Huhn aussah. Es hat tatsächlich Jahre gedauert, bis ich mich auf das ganze Drumherum einließ.“ Jones weiß ihr Team sehr zu schätzen, dazu gehören Greenwell, ihre Stylistin Nicky Yates und ihre Personal Trainerin Louisa Drake. Sie haben ihr dazu verholfen, selbstbewusst in einer hart umkämpften Branche aufzutreten. „Es klingt etwas amerikanisch, aber es braucht wirklich ein ganzes Dorf.“

Abgesehen von ihren perfekten Outfits auf dem roten Teppich ist Jones eine echte Modekennerin. Begeistert erzählt sie von der silberfarbenen Paillettenrobe von Valentino, die sie jüngst bei der Premiere von The Aeronauts trug. „Ein Disco-Look im 70er-Stil“, sagt sie. Die Schauspielerin ist ein Fan von Maria Grazia Chiuris Kreationen für Dior: „Sie macht ihr eigenes Ding“, findet Jones. Ihr Hochzeitkleid, ein fliederfarbenes Modell im viktorianischen Stil mit langen Ärmeln und hohem Kragen, ließ sie von ihrem guten Freund Erdem entwerfen. „Wir lieben beide Rüschenkrägen. Erdems Kreationen haben immer einen ganz besonderen Charme.“

Vor zwei Jahren heiratete Jones den britischen Regisseur und Produzenten Charles Guard. Das Kennenlernen sei weniger romantisch gewesen – in einem Aufzug in Hollywood. „Da haben wir festgestellt, dass wir im Laufe der Jahre oft bei den gleichen Partys zu Gast waren.“ Wie ist es, verheiratet zu sein? „Es ist toll! Ich finde es wundervoll, dass wir trotz unserer anspruchsvollen Jobs eine derart stabile Beziehung führen.“ Sie liebt es, das gemeinsame Heim einzurichten. „Ich blättere oft durch Interior-Magazine und dekoriere gerne. Bei uns im Haus gibt es jede Menge Kissen, Bilder, Bücher und allerlei Schnickschnack. Ich kann nicht anders. Meine Idealvorstellung wäre ein minimalistischer Stil, aber um ehrlich zu sein bin ich ein echter Deko-Fan.“

Wie verbringen sie und Guard am liebsten den Tag? „Heute früh haben wir beschlossen, dass wir gerne in Hampstead Heath spazieren gehen würden; ein richtiger Spaziergang in Gummistiefeln und später essen wir im Pub und schauen einen Film. Ich möchte unbedingt Ad Astra – Zu den Sternen sehen.“ Und wenn ihr Liebster sie vom Fotostudio für ein romantisches Date abholt, würde sie dann Cocktails im luxuriösen Ambiente des Claridge’s oder einen Pub in Kentish Town bevorzugen? „Ein Pub in Kentish Town“, antwortet sie lachend. „Ganz klar.“

Was steht der Schauspielerin mit dem Faible für Dekoration als nächstes bevor? Hätte Sie Lust, eines Tages bei einem Film Regie zu führen? „Ein Regisseur muss ein besonderes Talent mitbringen, denke ich. Aber ich würde gerne an meinen eigenen Projekten arbeiten. Ich habe Englisch studiert und erzähle gerne Geschichten.“ Vielleicht die einer Punk-Heldin? „Gerade erst habe ich einen Magazinartikel über Debbie Harry gelesen. Über sie gab es bislang noch keinen Film, glaube ich“, sagt sie grinsend. „Außerdem fände ich es spannend, Hamlet als Frau zu spielen. Das wäre sicher interessant.“ Da können wir Jones nur zustimmen.

Originaltext von Sarah Bailey

Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche von Katharina Hogenkamp

Online unter: Net-a-porter.com

Bild: Ben Weller für Net-a-porter.com

Veröffentlichung:1. November 2019

© 2019 Katharina Hogenkamp