© 2019 Katharina Hogenkamp

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Die Geschichte der Oh

Mit ihrer preisgekrönten Darstellung in der Serie Killing Eve hat die koreanisch-kanadische Schauspielerin weltweiten Ruhm erlangt. SANDRA OH modelt die schönsten H/W19-Pieces angesagter koreanischer Designer und verrät im Gespräch mit AJESH PATALAY, warum die Rolle der Eve ihre bislang größte Herausforderung war und mit welcher Leidenschaft sie ihre asiatische Herkunft zelebriert.

Aus dem Englischen übersetzt von Katharina Hogenkamp

„Wie Sie sehen, bin ich nicht gestorben.“ Sandra Oh gibt kaum etwas über die dritte Staffel von Killing Eve preis. In der finalen Folge der letzten Staffel wurde ihre Serienfigur Eve von ihrer besseren Hälfte Villanelle angeschossen. „Im Grunde dreht sich alles um den emotionalen Aspekt dahinter“, sagt sie, ohne zu viel zu verraten.

Es ist Anfang September, als wir Oh in London treffen. Ihre Rolle in Grey’s Anatomy legt den Grundstein für ihren Mega-Erfolg und dank ihrer Rolle in Killing Eve ist die Schauspielerin heute ein Star. Seit einem Monat steht sie für die Dreharbeiten der dritten Staffel vor der Kamera und bezeichnet die Rolle als die herausforderndste ihrer bisherigen Karrierelaufbahn. „Man merkt, dass Eve ständig mit sich zu kämpfen hat. Es gab Momente, da konnte ich richtig mit ihr mitfühlen.“ Die Serie geht psychisch in die Tiefe und ergründet „das Bedürfnis, gesehen zu werden“, findet Oh. Sie vermutet, dass darin auch der Grund für den Erfolg der Sendung liegt. Killing Eve trifft besonders bei den weiblichen Zuschauern einen Nerv: „Eve verändert sich. Umso näher man sie kennenlernt, desto besser kann man sich mit ihr identifizieren.“

Diese Woche muss Oh nicht arbeiten. „Ich habe tatsächlich frei“, sagt sie. „Sie drehen einen Teil der Geschichte anderswo. Den Drehort darf ich nicht verraten, aber es ist fantastisch! Schade, dass ich nicht dabei sein kann.“ Ihre Freizeit nutzt sie vor allem, um Zeit mit ihren Eltern zu verbringen. Mit Mitte 80 sind sie für zwei Wochen aus Vancouver angereist und Oh schlug vor, dass sie aufgrund des Jetlags länger bleiben. „Es dauert eine Woche, bis ich mich vollständig erholt habe“, betont sie. „Aber meine Mutter kommt mit dem Jetlag super klar. Am Morgen nach ihrer Ankunft schnippte sie mit den Fingern und meinte: ‚Los, lass uns zum Buckingham Palace gehen!‘ Wir besuchen jedes Museum und meine Eltern sind weit davon entfernt, schlapp zu machen.“

Diese Eigenschaft scheint Oh von ihren Eltern geerbt zu haben, sie sprüht geradezu vor Energie, ist super engagiert und bemüht um Authentizität im Leben. Die 48-jährige gibt kaum Interviews, vermutlich, weil sie die Gespräche zu einseitig findet. Lieber unterhält sie sich mit interessanten Menschen auf einer gemeinsamen geistlichen Ebene. Ich treffe Oh und ihre Assistentin zum Interview in einem Restaurant in Notting Hill. Die Schauspielerin trägt eine Steppjacke zum grünen Kapuzenpullover und einer schwarzen Hose von Comme des Garçons. Sie besteht darauf, dass wir uns für eine Weile nach draußen setzen und uns zuerst besser kennenlernen. Als wir später zum Gespräch wieder hineingehen, schickt sie ihre Assistentin nach einer halben Stunde nach Hause. „Ich glaube, es wird länger dauern“, sagt sie, nachdem wir die für das Gespräch vorgesehene Zeit überschritten haben. Am Ende sind es zwei Stunden. „Irgendwann muss ich meine Eltern treffen, aber das ist es mir wert und es bedeutet mir viel“, bemerkt sie und meint damit Gespräche wie unseres, unter Menschen mit asiatischer Herkunft. „So weiß man, wo man steht.”

Mehr über die unterschiedlichen Erlebnisse von Asiaten in der westlichen Welt erfahren zu wollen, sei ihr essentiell wichtig. „Es geht nicht nur um die Dominanz und Akzeptanz einer Kultur. Es geht um unsere Identität, darum, wer wir sind und wie wir uns ausdrücken“, erklärt sie. „Manche Aspekte der asiatischen Kultur werden in Nordamerika nicht verstanden, geschweige denn respektiert. Im Januar gewann ich den Golden Globe in der Kategorie „Beste Hauptdarstellerin – TV-Serie“. Meine Eltern waren bei der Verleihung anwesend und ich verbeugte mich vor ihnen. Ich bezweifle, dass man diese Geste des Respekts und der Stärke außerhalb unserer Kultur verstanden hat. Es ist ein symbolischer Akt und keine Bitte, vielmehr ein Zeichen von Solidarität gegenüber sich selbst und anderen. Ich denke, sowohl Asiaten als auch Menschen mit anderer Hautfarbe verstehen das.“

Erst vor kurzem sprach sie mit den asiatisch-amerikanischen Künstlern Daniel Dae Kin von Hawaii Five-O und Ming-Na Wen von S.H.I.E.L.D. über die Herausforderungen der Schauspielerei, so zum Beispiel die Schwierigkeit, einen Akzent nachzuahmen. Bislang haben sie kaum zusammengearbeitet. „Pro Szene darf nur eine Person mit einer anderen Hautfarbe zu sehen sein“, erklärt Oh. Nach Jahren in der Filmbranche nehmen sie mehr Einfluss beim Casting. „Wir fühlen uns einander eng verbunden, weil wir die erste Generation sind.“ Die Entwicklung steckt allerdings noch in den Kinderschuhen. „Die afroamerikanische Kreativgemeinschaft ist ein Vorbild für mich, weil sie ein Gefühl für Individualität und Gleichheit geschaffen hat“, sagt Oh. „Für uns Asiaten ist es noch zu früh, aber sie geben eine Richtung vor.“

 

Oh erzählt von dem Moment, als sie das Drehbuch für Killing Evezum ersten Mal las. Welche Figur am besten zu ihr passen würde, wusste sie damals noch nicht, allerdings war sie sich sicher, dass es keine Hauptrolle sein würde. „Ich frage mich bis heute, warum ich so dachte“, sagt sie. „Man glaubt weitergekommen zu sein, bis man merkt, dass man im tiefsten Inneren immer noch dieselbe Person ist. Mein gebrochenes Herz war erfüllt von Scham und Wut. Ich fühlte mich erniedrigt und es ist gerade einmal drei Jahre her.“

Der Erfolg von Killing Eve hat zu Ohs persönlicher Entwicklung beigetragen und ihr zum Durchbruch verholfen. Sie ist die erste asiatisch-amerikanische Frau, die für einen Emmy in der Kategorie Lead Actress nominiert wurde. Zudem moderierte sie die Golden Globes und wurde mehrmals mit dem Award ausgezeichnet, unter anderem als beste Nebendarstellerin in Grey’s Anatomy im Jahr 2006. Die Auswirkungen werden insofern spürbar, als dass „mir junge Menschen, nicht nur Asiaten, mit anderer Hautfarbe begegnen und mir ihr Herz ausschütten. Es ist äußerst bewegend“, sagt sie. „An manchen Tagen kann ich damit besser umgehen als an anderen Tagen. Manchmal muss ich mich einfach aus allem raushalten. Es kommen Themen auf den Tisch, die in der Gemeinschaft häufig unausgesprochen bleiben.“ Ich hake nach: Was muss thematisiert werden? „Es scheint, als hätten wir Angst davor, unseren Eltern das Herz zu brechen. Dabei ist es ein wesentlicher Bestandteil im Prozess der Individualisierung. Diese Art der Trennung können viele Menschen in unserer Kultur nicht ertragen.“

Die Beziehung zwischen Oh und ihren Eltern war nicht immer so gut, wie es heute der Fall ist. Ihr Vater und ihre Mutter wurden in Korea geboren; er arbeitete als Geschäftsmann und sie als Biochemikerin. Zusammen gingen sie in den 1960er-Jahren in die USA und später nach Kanada. Sie waren das typische asiatische Einwanderer-Paar, das sehr hohe Erwartungen an seine Kinder hatte. Ohs ältere Schwester arbeitet heut als Anwältin in Vancouver, während ihr jüngerer Bruder als medizinischer Genetiker in Boston tätig ist. Beide haben mittlerweile ihre eigene Familie. Oh war drei Jahre mit Alexander Payne verheiratet, dem Regisseur von Sideways. Inzwischen haben sie sich scheiden lassen. Aufgewachsen in Ottawa, wollte Oh von klein auf bereits auf die Bühne. „Meine Eltern mussten einiges mitmachen“, erinnert sie sich. „In der High School habe ich oft improvisiert. Schließlich nahm ich während meines Abschlussjahrs an einem Wettbewerb teil. Damals bewarb ich mich an einer Theaterschule.“ Gegen den Willen ihrer Eltern wohlgemerkt. „Mein Duo-Sketch beruhte auf der Auseinandersetzung meiner Eltern mit meinem Wunsch, auf die nationale Theaterschule gehen zu wollen. Meine Eltern saßen im Publikum. Es war schrecklich! Welche Tochter macht so etwas?“

Direkt im Anschluss ans College bekam sie eine Hauptrolle in einem Fernsehfilm über die kanadische Dichterin Evelyn Lau. „Das Thema war riskant“, sagt Oh. „Es gab Szenen mit Evelyn, in denen sie Drogen nahm und als Prostituierte arbeitete. Meine Mutter war der Meinung, dass die Schauspielerei der Prostitution gleichkommt – und dann nehme ich so eine Rolle an. Eine Woche nach der Erstausstrahlung gab es Kritik von Menschen innerhalb unserer Kirchengemeinschaft. Dennoch fühlte ich mich nicht unter Druck gesetzt, zumal meine Eltern mir den Rücken stärkten. Ich erinnere mich daran, wie meine Mutter zu mir sagte: ‚Das muss sehr schwierig gewesen sein.‘ Es ist wirklich toll, Eltern zu haben, die so viel Verständnis zeigen.“

Als 2018 die ersten Werbeplakate für Killing Eve zu sehen waren, präsentierte Oh diese ihren Eltern. Ohne jede Frage waren sie von Stolz erfüllt über den Erfolg der Tochter, insbesondere vor dem Hintergrund, als Einwanderer in die Staaten gekommen zu sein. „Das liebe ich an meinen Eltern. Sie sehen hinter dem Bild ihrer Tochter auch die Asiatin, die es auf ein Poster geschafft hat. Wieviel es für sie bedeutet, darüber müssen wir nicht sprechen. Es genügt, den Wert für eine ganze Generation darin zu erkennen.“

Manches geht jedoch über die Beziehung zwischen einer Tochter und ihren Eltern hinaus. Nach dem Interview gehen wir raus, um eine Zigarette zu rauchen. Sie erzählt, seit drei Jahren Hip-Hop-Kurse zu besuchen, um ihren Körper besser zu verstehen. Oh traut sich was und das sei auch der Grund für ihre Auftritte bei den Golden Globes und Saturday Night Live gewesen. Die Schauspielerin inspiriert und macht anschließend ein Geständnis. Da ihre Eltern gerade bei ihr wohnen, müsse sie nun nach Hause gehen, duschen und ihre Zähne putzen. Ansonsten würden diese bemerken, dass sie Zigaretten geraucht habe. „Ist das nicht lächerlich?“, sagt sie lachend. Nun, da mussten wir alle schon mal durch.

Originaltext von Ajesh Patalay

Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche von Katharina Hogenkamp

Online unter: Net-a-porter.com

Bild: Boo George für Net-a-porter.com

Veröffentlichung:18. Oktober 2019