© 2019 Katharina Hogenkamp

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Die Moderevolution mit Stella McCartney

Ob Lifestyle oder Karriere, Stella McCartney hat sich stets sämtlichen Konventionen widersetzt. Seitdem sie die Fäden in der Hand hält und die volle Kontrolle über ihr gleichnamiges Label innehat, definiert die britische Designerin die Regeln in Sachen ethisch vertretbarer und nachhaltiger Mode ein weiteres Mal vollkommen neu.

Stella McCartney zu Gesicht zu bekommen, ist kein leichtes Unterfangen. Der Terminkalender der Designerin gleicht einem komplexen Puzzle, das Monate im Voraus ausgearbeitet wurde. Die Tage sind minutiös durchgeplant, kein Wunder, wenn man einen Blick auf ihre To-do-Liste wirft: Seit 18 Jahren leitet sie ihr gleichnamiges Label, das neben Kleidung für Damen, Herren und Kinder auch Düfte anbietet und gilt als Vorreiterin in Sachen nachhaltiger Luxusmode. In Kooperation mit Adidas entwirft sie seit 15 Jahren stylishe, hochmoderne Sportbekleidung für Frauen und zieht nebenher mit ihrem Mann Alasdhair Willis vier Kinder groß. „Nun, ich würde es definitiv genießen, weniger zu tun zu haben“, sagt die Designerin mit einem ironischen Lächeln, als wir uns an einem regnerischen Tag zum Tee in einem Hotel in Notting Hill treffen. Sie hat es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht, trägt ein lässiges Outfit bestehend aus einem verwaschenen Pullover, einer dunkelblauen Hose von Stella McCartney und veganen Stan Smith Sneakers von Adidas by Stella McCartney: „Nun ja, ich habe selten die Zeit, um darüber nachzudenken. Und selbst wenn ich mal nichts zu tun habe, sind da immer noch vier Kinder, um die ich mich kümmern muss.“

Glücklicherweise strotzt McCartney nur so vor Leidenschaft und Elan, die 47-Jährige ist überzeugte Aktivistin und möchte so viele Menschen wie möglich zum Umdenken animieren. Als lebenslange Vegetarierin und ambitionierte Tierschützerin hat sie ihr Modehaus in den letzten Jahren einer Generalüberholung unterzogen, um es so nachhaltig und ethisch wie möglich zu gestalten. Erst im vergangenen Jahr kaufte sie ihr Label vom Luxuskonzern Kering zurück, um die Zukunft ihrer eigenen Marke besser bestimmen zu können. Gleichzeitig betont sie, wie sehr der Konzern stets ihre Unternehmensprinzipien unterstützt habe. Es ist eine Mammutaufgabe, der sich die Designerin gewidmet hat und es handelt sich dabei nicht um eine reine Pflichtübung oder einen cleveren PR-Trick. Während andere große Marken gerade erst anfangen, die eigenen Auswirkungen auf die Umwelt zu reflektieren, sind McCartney und ihr Team längst Experten in Sachen Biodiversität der Böden, auf dem ihre Baumwolle angebaut wird und praktischer Vorteile, Sneakers zu 100 Prozent recycelbar herzustellen. Tatsächlich wird der Begriff Designer ihrem Job nicht wirklich gerecht, McCartney ist vielmehr eine Künstlerin, Wissenschaftlerin, Tech-Unternehmerin und Landwirtin in einer Person. „Ich bin immerhin auf einem Bauernhof aufgewachsen und jetzt verdiene ich mit Landwirtschaft mein Geld, das finde ich großartig“, sagt sie. „Und ich glaube, dem Großteil der Bevölkerung ist nicht bewusst, dass Modedesigner im Grunde das Land bewirtschaften. Anstelle eines Gemüseburgers produzieren wir allerdings eine Jacke. Diese anspruchsvolle und zugleich inspirierende Verbindung, das spornt mich an.“

Stella und ihre drei Geschwister wurden von den Eltern Sir Paul und Linda McCartney ganz bewusst fernab des Starruhms großgezogen. Ihre Kompromisslosigkeit führt die Designerin auf eine Kombination aus Persönlichkeit und Erziehung zurück, die moderne Einstellung ihrer Eltern prägte nicht nur ihren Charakter (man denke nur an die Gründung der revolutionären, vegetarischen Lebensmittelmarke der Mutter im 1991), sondern auch ihren Modestil. „Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der nichts weggeworfen wird“, erklärt sie und zeigt auf ihr Sweatshirt, das sie seit ihrem 12. Lebensjahr besitzt. „Es klingt komisch, aber mir stand als Kind nicht viel Geld zur Verfügung. Meine Mutter und mein Vater haben das sehr clever angestellt, ich ging zur Gesamtschule und bekam kaum Taschengeld, also kaufte ich Kleidung in Vintage- und Secondhand-Läden und auf Märkten. Ich denke, darin besteht die Zukunft. Ich würde Kinder immer dazu animieren, Kleidung auszuleihen und aus zweiter Hand zu kaufen, das macht einfach viel mehr Spaß und es ist deutlich cooler als ein schneller, unbedachter Kaufrausch.“

Eine ethisch vertretbare Garderobe zu erstellen und zu ermitteln, von wem und unter welchen Umständen unsere Kleidung hergestellt wird, kann einen in der Tat schnell überwältigen. Aus diesem Grund bietet McCartney lieber Lösungen an, anstatt den Konsumenten ein schlechtes Gewissen einzureden. „Vor Kurzem sagte mir jemand: ‚Ich liebe an Stella McCartney, dass man mir einen Großteil der Arbeit bereits abgenommen hat. Ich muss mir den Kopf nicht darüber zerbrechen, unter welchen Umständen und wo etwas produziert wurde, wie es verarbeitet wurde, woher die Materialien stammen und so weiter‘“, sagt sie. „Bis dahin habe ich gar nicht darüber nachgedacht, aber Frauen kommen in meine Geschäfte oder direkt zu mir und sie wissen, dass ich mich um viele der sensiblen Kriterien bereits gekümmert habe, was an anderer Stelle mit wesentlich mehr Aufwand verbunden wäre.“

Prnzipien und ethische Grundsätze sind ein guter Anfang, aber um ein wirklich herausragendes Modehaus aufzubauen, braucht es auch brillante und einzigartige Designs, und darin liegt eine weitere Stärke von Stella McCartney. Ihr Erfolg basiert auf schmeichelhaften, zeitlos schönen und stilsicheren Looks (ihre nachhaltige Sommerkollektion für NET-A-PORTER ist nur ein Beispiel dafür), die sie bereits präsentierte, als der Begriff „tragbar“ auf den Laufstegen noch ein Fremdwort war. Längst ist in Vergessenheit geraten, dass ihre Ernennung zur Creative Director bei Chloé 1997 umstritten war, da sie als eine zu sichere Kandidatin galt. Aber mit ihrem modischen Ansatz traf sie für Frauen weltweit den Nerv der Zeit und etablierte sich so im Laufe der Jahre eine hochkarätige und außergewöhnliche Fangemeinde: Gwyneth Paltrow, Michelle Obama, Julia Roberts, Oliva Colman, Madonna und viele mehr, ganz zu schweigen von dem weißen Kleid für Meghan Markles Hochzeit mit Prinz Harry. „Mir ging es immer darum, Frauen zu mehr Selbstbewusstsein zu verhelfen und sie zu ermutigen, die eigene Persönlichkeit durch ihren Kleidungsstil auszudrücken“, sagt McCartney. „Ich probiere alles selbst an, weil selbst kleine Details einen großen Unterschied machen können. Wenn eine Hose auf der Höhe der Taille und nicht auf den Hüften sitzt, gibt mir das als Frau ein ganz anderes Gefühl. Meine Haltung verändert sich, wenn ich Heels oder Sneakers trage. So fühle ich mich, als würde ich in verschiedene Teile meiner Persönlichkeit als Frau eintauchen.“

Ihr Geschick für die perfekte Mischung aus maskulinen und femininen Elementen zeigt sich in hauchzarten, spitzenbesetzten Slipkleidern aus Seide, die sie zu XXL-Hosenanzügen umfunktioniert. Anstelle stur den Trends zu folgen, setzt sie den Fokus auf das geschickte Hervorheben individueller Vorzüge. „Meine Mutter war meine größte Inspiration“, verrät sie. „Ich denke, sie hatte den coolsten Look aller Zeiten, weil ihr Stil ein Spiegelbild ihrer selbst war. Sie scherte sich nicht darum, was andere Leute über sie denken. Als Frau eines Beatles ist das ziemlich beeindruckend, finde ich. Ihr Selbstbewusstsein war nicht zu offensichtlich, aber war sich ihrer selbst bewusst und hatte keine Angst davor, ihrem wahren Ich stets treu zu bleiben. Ich bewundere all die Frauen, die mit ihrer Kleidung Ehrlichkeit ausstrahlen.“

McCartney behauptet nicht, alle Antworten zu kennen und sie arbeitet weiterhin daran, Nachhaltigkeit im Büro und zu Hause richtig umzusetzen. Ihre Kinder bezieht sie stets mit ein: Jüngst konnte sie ihre Tochter überzeugen, Zahnbürsten aus Holz, statt aus Kunststoff zu kaufen. Globale Initiativen wie Extinction Rebellion sowie die Teenageraktivistin Greta Thunberg, die zahlreichen Menschen zum Umdenken anregen konnte, inspirieren die Designerin ungemein. Nach Jahren der Kampagnenarbeit beherrscht sie die Kunst der Inspiration, auch ohne zu belehren. Es scheint unmöglich, sich nicht von ihrer Leidenschaft für Nachhaltigkeit anstecken zu lassen, wenn sie über die Menge an Billigkleidung spricht, die jede Sekunde auf der Müllhalde landet, oder eine neue Technik, die sie entdeckt hat.

„In meinen jungen Jahren war es noch recht ungewöhnlich und heikel, Vegetarierin und Tierschützerin zu sein. Nicht selten wurde mir diesbezüglich viel Ablehnung oder Aggression entgegen gebracht“, erklärt sie. „Es war damals ein sehr sensibles Thema, über das man nicht mit jedem offen und unbefangen sprechen konnte. Also musste ich mir überlegen, wie ich Menschen, die vielleicht eine andere Erziehung genossen oder nicht den gleichen Standpunkt hatten wie ich, zu Veränderungen bewegen konnte. Es war nie meine Art, Leute zurechtzuweisen und ihnen ein schlechtes Gewissen einzureden. Ich denke, es sind überwältigende und beängstigende Gespräche. Also versuche ich, ehrlich zu informieren, ohne abzuschrecken.“

Sie ist auch zuversichtlich, künftig weniger darüber sprechen zu müssen. Gerade jetzt, da sich sowohl Newcomer-Labels als auch große Luxusmarken mehr bemühen und die nächste Generation lautstark Veränderungen fordert. „Im Stillen hat es mir immer gefallen, dass viele unserer Kunden nicht wahrnehmen, dass ein Produkt nicht aus [echtem] Leder ist oder worum es im Kern des Unternehmens geht“, sagt sie. „Ich bin stolz darauf, denn das bedeutet für mich, dass ich meinen Job richtig mache. Wenn etwas nur schwer zu erkennen ist, ist das meiner Meinung nach das beste Ergebnis.“

Originaltext von Hannah Cole

Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche von Katharina Hogenkamp

Online unter: Net-a-porter.com

Bild: Matthew Sprout für Net-a-porter.com

Veröffentlichung: 21. Juni 2019