© 2019 Katharina Hogenkamp

The wearness

Ethik trifft Leben

Die in London lebende deutsche Journalistin und Übersetzerin Katharina Hogenkamp beschäftigt sich mit Mode und Nachhaltigkeit in Europa und der Welt. Für the wearness erzählt sie in ihrer neuen Kolumne von den Herausforderungen der Wegwerfgesellschaft, der Kraft der Gemeinschaft, und wie sie andere Frauen zur Veränderung inspirieren. Im ersten Teil ihrer Kolumne spricht sie über ihre persönliche Bewusstseinsentwicklung in Bezug auf Nachhaltigkeit in ihrem Alltag und Job.

Es ist Freitagabend. Ich sitze in meinem Londoner WG-Zimmer auf meinem Bett und blicke in meinen Kleiderschrank. Morgen reise ich für eine Woche nach Deutschland. Es soll heiß werden, also überlege ich, was ich an Kleidung mitnehmen möchte. Die Auswahl ist groß, und nicht zum ersten Mal frage ich mich, was in von all meinen Sachen wirklich brauche. 

Tatsächlich funktioniert die Zusammenarbeit zwischen mir und der Konsumwelt seit Jahren ohne Probleme. Clevere Marketing-Strategien haben in der Vergangenheit dazu beigetragen, die materielle Leere in meinem Leben jedes Jahr, jeden Monat, jeden Tag aufs Neue zu füllen. Die Kooperation verläuft sogar so gut, dass ich nicht nur meine Garderobe, sondern bislang auch meine gesamte Karriere auf die Förderung der menschlichen Besitzwut ausgerichtet habe. Ich bin Moderedakteurin. Ich schreibe Texte, um andere Menschen für den Zeitvertreib zwischendurch zum Kauf von Dingen zu bewegen. Heute frage ich mich, warum ich diesen Weg gewählt habe. 

Anfang dieses Sommers bekam ich eine Panikattacke. Ich fühlte mich plötzlich überwältigt von dem, was mich umgab. Ich war nach London in ein völlig überteuertes und gleichzeitig winzig kleines WG-Zimmer gezogen, besaß Unmengen an Kleidung von Labels, mit denen ich mich nicht identifizieren konnte und schenkte Menschen meine Zeit, die meine Wertvorstellungen nicht teilten. Es musste eine Veränderung her! 

Die Vintage-Kontroverse

Im Gegensatz zu den meisten meiner modeaffinen Kolleginnen besteht meine Garderobe zum größten Teil aus Vintage-Fundstücken. Während meiner Zeit in London bin ich nicht nur zum eBay-Experten geworden, sondern könnte mir mittlerweile auch ein zweites Standbein als Touristenführer für die besten Secondhandshops, von Notting Hill bis hin zur Brick Lane, aufbauen. Anfang des Jahres verbrachte ich Stunden vor dem Laptop und viele Samstage damit, die Nadel im Vintage-Heuhaufen zu suchen. Ich weiß, wo man in London die schönsten Blümchenkleider aus zweiter Hand findet, wer die größte Auswahl an günstigen Levi’s Jeans bietet und in welchen Läden die Verkäufer am freundlichsten sind. Ich verzichte bewusst auf Fast Fashion, um nachhaltiger zu konsumieren. Das Problem ist jedoch, dass sich Konsum und ökologisches Bewusstsein schlussendlich nicht vereinbaren lassen. 

Die Modeindustrie ist in erster Linie Gift für das Klima unseres Planeten. Ein enorm hoher Ressourcenverbrauch, Pestizideinsatz, giftige Chemikalien und lange Transportwege machen den Wirtschaftszweig zum zweitgrößten Umweltverschmutzer nach der Erdölindustrie. Wer gebrauchte Kleidung kauft, vermeidet zumindest die Produktion von Neuware. Trotzdem sollte man sich auch beim Kauf von Secondhand-Mode fragen, woraus etwaige Produkte bestehen. Ein Blick aufs Etikett genügt, um zu erfahren, dass der Großteil meiner heiß geliebten Vintage-Kleider nicht aus natürlichen, sondern synthetischen Materialien besteht, die wiederum eine Belastung für die Umwelt sind. 

Stichwort: Mikroplastik. Durch jede Wäsche von Chemiefasern, insbesondere bei hohen Temperaturen ab 60 Grad, gelangen kleinste Partikel ins Wasser wie Polyester, Acryl oder Nylon. Wir dürfen uns also nicht wundern, dass immer mehr Plastik in unser Trinkwasser gelangt. Klingt eklig? Da gebe ich Ihnen Recht. Hinzu kommen beim Shopping unter Umständen lange Transportwege. Das betrifft auch flohmarktähnliche Internet-Portale wie eBay oder Vestiaire Collective. Eine verbesserte Öko-Bilanz im Onlinehandel bedarf weniger Retouren und einem allgemeinen Verständnis für die Wertigkeit von Kleidung. 

Wer billig kauft, kauft zweimal

Meine Großmutter, die ihr halbes Leben als Schneiderin tätig war, und meine Mutter haben mir schon als Kind beigebracht, wie man Löcher stopft oder einen Knopf wieder annäht. Natürlich braucht die Reparatur von alter Kleidung und Schuhen Zeit und Geduld, die sich viele Menschen heute nicht mehr nehmen – erst recht nicht, wenn der Klick zum Kauf eines neuwertigen Produkts weniger aufwändig und dazu noch preisgünstiger ist. 

Als junges Mädchen habe ich mir von meinem ersten Taschengeld auch das gekauft, was ich mir leisten konnte. Ich habe damals nicht darüber nachgedacht, von wem und unter welchen Umständen ein Kleidungsstück produziert wurde, geschweige denn welchen Einfluss meine Entscheidungen auf die Umwelt unseres Planeten haben würden. Vielmehr wollte ich dazugehören – früher zu den angesagten Mädchen der Schule; heute zu den einflussreichen jungen Frauen, die die Welt verändern.

Es geht nicht darum, die Dinge perfekt machen zu wollen, sondern um die grundsätzliche Auseinandersetzung mit einer Thematik, die uns alle betrifft. Mode ist nicht nur Kleidung. Mode ist eine Lebenseinstellung und die gilt es für die Zukunft neu zu definieren. Was meine persönliche Garderobe betrifft, so habe ich an diesem Abend vor meinem Urlaub ein Experiment gewagt. Ich habe mich vor meinen Kleiderschrank gestellt und überlegt, woran mein Herz hängt, was ich mit besonderen Erinnerungen verbinde und was ich mit Stolz vererben wollen würde. Und wissen Sie was? So viel blieb da gar nicht übrig. Jeder Besitz trägt eine Geschichte und wir sollten uns für die Zukunft überlegen, welche wir unseren Kindern einmal erzählen wollen.   

Originaltext von Katharina Hogenkamp

Online unter: the wearness

Bild: Katharina Hogenkamp für the wearness

Veröffentlichung:1. August 2019